Wahlpflichtunterricht Philosophie

Philosophie 7 – Was macht ein Philosoph?

König Hänschen ist eine Figur in zwei alten Kinderbüchern, ein zehnjähriger Königssohn, der nach dem Tod seines Vaters selbst König wird. Er sorgt dafür, dass die Kinder in seinem Land alles mitbestimmen können. Allerdings geht dabei auch einiges schief, und er wird auf eine einsame Insel verbannt. Dort fängt er an, über vielerlei nachzudenken:

Hänschen ist Philosoph geworden, das heißt ein Mensch, der über alles nachdenkt, ohne etwas zu tun. Ein Philosoph ist aber kein Faulpelz. Denken ist auch eine Arbeit, eine schwere Arbeit sogar. Ein gewöhnlicher Mensch sieht einen Frosch, aber das geht ihn weiter nichts an. Ein Philosoph dagegen denkt: Warum hat Gott eigentlich die Frösche erschaffen? Die fühlen sich doch gar nicht wohl.
Wenn man einen gewöhnlichen Menschen anrempelt oder ärgert, dann wird er böse, er schlägt zurück oder wehrt sich auf andere Art; ein Philosoph aber denkt: Warum ist dieser Mensch so aufbrausend und rauflustig?
Wenn ein gewöhnlicher Mensch sieht, dass ein anderer etwas Gutes hat, dann wird er entweder neidisch oder er versucht, das gleiche zu bekommen; ein Philosoph aber denkt: Könnte es wohl sein, dass jeder Mensch alles bekommt, was er haben möchte?
[...]
Solche Fragen erwachten in Hänschens Kopf, und er versuchte, sie selbst zu beantworten. Es sieht so aus, als wäre Hänschen Schüler und Lehrer in einer Person. Das ist auch besser so. Wenn er früher seinen ausländischen Erzieher oder den Hauptmann etwas fragte, dann erklären sie es ihm zwar, aber nie so gut, wie er es sich jetzt selbst erklärt. Und nun begreift er auch alles, denn er fragt und antwortet solange, bis er alles genau weiß.

(Janusz Korczak: König Hänschen auf der einsamen Insel. 1923)


Für den Unterricht bedeutet das:

Wir versuchen, Ansichten genau zu begründen: Warum kann man das so sehen?

Wir versuchen, Ansichten zu hinterfragen: Warum könnte das falsch sein?

Wir versuchen, unser Denken zu erweitern: Wie könnte man das noch sehen?

Es geht nicht um den Austausch von Meinungen. Eine Meinung zu haben, ist nichts Besonderes.

Es geht darum, mit Hilfe von Begründungen und Widerlegungen die vorläufig sinnvollste Ansicht herauszufinden.

Es geht darum, Dinge (auch sich selbst) anders zu sehen, als man sie bisher gesehen hat.